Stille Wege, laute Botschaft
Es war ein stiller Aufbruch, aber ein bedeutungsvoller. Vor fünf Tagen machte sich eine Gruppe von 15 evangelischen Christinnen und Christen aus Mödling auf den Weg – angeführt von ihrer Pfarrerin Tikanen Lippl. Ihr Ziel war der „Weg des Buches“. Ein Weg, der mehr in sich birgt als eine Wanderung. Es war eine Reise in die Vergangenheit, ein lebendiges Erinnern an jene, die einst unter Lebensgefahr das Wort Gottes weitertrugen.
Dieser Weg ist ein lebendiges Zeugnis dafür, wie Geschichte, Glaube und Gemeinschaft sich verbinden können und erinnert uns daran, dass Freiheit nie selbstverständlich ist – und dass dieser Weg ein Weg der Inspiration ist.
In der Zeit der Reformation war es für evangelische Christen alles andere als einfach, ihren Glauben zu leben. Bibeln, Gesangbücher und reformatorische Schriften waren verboten – und doch fanden sich Menschen, die sie heimlich schmuggelten. Nicht in Taschen oder Paketen, sondern unter der Kleidung, in Rucksäcken, oft kilometerweit über unwegsames Gelände.

Die Hausbibel der Familien Wassertheurer, vlg. Hauser


und Winkler, vlg. Waldemar in Kreuth ober Hermagor
Man stelle sich das vor: eine Bibel, nicht wie heute, im Taschenbuchformat, sondern 45 cm lang, 25 cm stark und bis zu 15 kg schwer – getragen durch Wälder, über Almen, fernab jeder Straße. Kein Online-Shop, kein Postler. Nur der feste Wille, das Licht des Glaubens weiterzugeben. Immer wieder fanden sich mutige Männer und Frauen, die trotz strengster Verbote Bibeln, Gesangbücher und reformatorische Schriften in die Täler schmuggelten.
Die Gruppe folgte diesen historischen Spuren. Von Fresach, einem Ort mit tiefen protestantischen Wurzeln, ging es durch das Gail- und Gitschtal, auf alten Schmugglerpfaden, geheimen Buchverstecken und stillen Zeugen der Vergangenheit. Jeder Schritt war ein Echo jener Zeit, in der der Glaube nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich getragen werden musste – oft unter Gefahr für Leib und Leben. Die Strapazen der damaligen Zeit wurden greifbar – und die Freiheit von heute umso kostbarer.

Am Samstag erreichte die Gruppe Hermagor, wo sie von Kurator Karl Wassertheurer und seiner Elisabeth, sowie Anni Winkler empfangen wurden. Zur Belohnung kehrten die Wandernden beim Honigfest ein. Ein Fest, das nicht nur den Gaumen, sondern auch die Seele erfreute. Der Duft von frischen Köstlichkeiten, das goldene Glitzern des Honigs, das Lachen der Menschen – all das war Balsam nach der bewegenden Reise.

Am Sonntag, dem 16. August, versammelte sich die Gruppe in der Schneerosenkirche. Dort leitete Pfarrerin Friederike Hönig einen Gottesdienst, der nicht nur spirituelle Ruhe schenkte, sondern auch die tiefe Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart spürbar machte. Es war ein Moment der Dankbarkeit – für die Freiheit, den Glauben offen zu leben, und für die Menschen, die diesen Weg einst möglich gemacht haben.

Die Heimreise erfolgte bequem und klimatisiert mit dem Zug – ein Kontrast zur Wanderung, aber auch ein Symbol dafür, wie weit wir gekommen sind. Doch die wahren Schätze dieser Reise trugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Mödling in ihren Herzen. Geschichten, Begegnungen, Erkenntnisse. Und die stille Gewissheit, dass der „Weg des Buches“ nicht nur ein historischer Pfad ist, sondern ein lebendiger Ruf, den Glauben mit Mut und Liebe weiterzutragen.
