Mut zwischen Buchdeckeln

Hoffnung findet ihren Weg.

Stell dir vor, dein Smartphone wäre plötzlich verboten. Kein Kontakt zu den Menschen, die dir wichtig sind. Keine vertraute Stimme, keine Nachricht von deinen Liebsten, keine Möglichkeit, selbst zu entscheiden, womit du dich beschäftigst. Was heute selbstverständlich in unserer Tasche steckt, wäre auf einmal kostbar. Und sein Besitz könnte dich in Gefahr bringen!

Welcher Gegenstand wäre uns heute so wichtig, dass wir dafür Verfolgung, Strafen oder sogar den Verlust unserer Freiheit in Kauf nehmen würden? Das Smartphone, der Computer, das Auto oder das Bankkonto mögen unseren Alltag bestimmen. Doch kaum eines dieser Dinge berührt unser Herz so tief wie jene Bibeln die Menschen einst berührten. Für die Geheimprotestanten waren diese schweren Bücher nicht Besitz, sondern Lebenselixier. Sie gaben Orientierung in unsicheren Zeiten und stärkten den Mut, den eigenen Glauben weiterzutragen.

Der Historiker und Schriftsteller Dr. Peter Wassertheurer wuchs mit evangelischen Wurzeln auf. Sein Vater stammte vom Samerhof in Tröpolach, die Familie seiner Mutter aus Stockenboi, wo der Protestantismus seit Generationen lebendig ist.

Als Sohn einer evangelischen Familie verbindet Dr. Peter Wassertheurer historische Forschung mit persönlicher Verbundenheit zur Geschichte des Protestantismus in Kärnten.

Eine dunkle Herbstnacht. Nebelschwaden ziehen über die Kärntner Berge. Auf einsamen Saumpfaden bewegt sich eine Gestalt lautlos durch den Wald. In ihrem Gepäck trägt sie keinen Schatz aus Gold oder Silber. Und doch könnte der Fund ihres Bündels ihr Freiheit, Heimat oder sogar das Leben kosten. Denn der Mann schmuggelt Bücher.

Heute wirkt das kaum vorstellbar. Bücher begleiten uns als handliche Taschenbücher, E-Books oder auf dem Smartphone. Damals aber waren Bibeln, Postillen und Gesangbücher kostbare Besitztümer.

Viele der evangelischen Bücher des 17. und 18. Jahrhunderts waren große, schwere Folianten mit hölzernen Einbänden, Metallbeschlägen und hunderten Seiten. Man konnte sie nicht einfach in eine Jackentasche stecken. Oft mussten sie mühsam über Berge und Almen getragen, versteckt und weitergereicht werden.

Genau diese Welt schilderte Dr. Peter Wassertheurer bei seiner Lesung aus dem Roman „Balthasar, der Bibelschmuggler“ eindrucksvoll. Grundlage sind historische Ereignisse aus jener Zeit, als evangelische Christen ihren Glauben in Kärnten nur heimlich leben konnten. Nach der Gegenreformation wurden Bibeln und evangelische Schriften verboten. Doch der Hunger nach Gottes Wort ließ sich nicht verbieten.

So entstand ein geheimes Netzwerk. Über Schmugglerwege gelangten die Bücher aus dem deutschen Raum bis in die entlegenen Täler Kärntens. Jeder Übergabepunkt war Teil einer stillen Mission. Wer erwischt wurde, riskierte Verfolgung, Enteignung oder Verbannung.

Im Mittelpunkt des Romans steht der junge Balthasar. Als Außenseiter geboren, ohne Bildung und ohne Zukunftsperspektive, begegnet er eines Tages einem geheimnisvollen Wanderer. Dieser zeigt ihm ein Buch, das sein Leben verändern sollte. Eine deutsche Bibel. Für Balthasar öffnet sich damit eine Welt, die bislang verschlossen war. Er lernt lesen und schreiben und wird schließlich selbst Teil des gefährlichen Netzwerks der Bibelschmuggler.

Besonders bewegend sind die Schilderungen der sogenannten Hausandachten. Während der Zeit, in der evangelische Bethäuser oder Kirchen verboten waren, versammelten sich Familien heimlich in ihren Stuben. Dort wurde bei Kerzenschein aus oft jahrzehntealten Bibeln vorgelesen. Manche dieser Bücher waren bereits stark beschädigt, ihre Seiten vergilbt, ihre Einbände gebrochen. Dennoch wurden sie wie kostbare Schätze gehütet, denn sie bewahrten weit mehr als nur gedruckte Worte. Sie bewahrten Hoffnung, Identität und Glauben.

Troadkost‘n von Steinwender Christian vlg. Stanwender in Untermöschach, erbaut 1641 geheimer Versammlungsraum der Evangelischen für Andachten und Gottesdienste (aus der Präsentation im 100jährigen Jubiläumsgottesdienst von Pfarrer Reinhard Ambrosch)

Wenn wir heute eine Bibel aus dem Regal nehmen oder einen Gottesdienst besuchen, erscheint dies selbstverständlich. Die Geschichte des Geheimprotestantismus soll uns daran erinnern, dass frühere Generationen dafür große Opfer gebracht haben. Sie trugen schwere Bücher über gefährliche Wege, versteckten sie in Scheunen, Truhen oder Höhlen und gaben ihren Glauben trotz aller Schwierigkeiten weiter.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Spannung dieser Geschichte. Nicht die Frage, wer ein Verbrechen begangen hat, sondern wer den Mut besaß, für seine Überzeugung einzustehen.

Und so sind die alten Bibeln, die bei der Lesung ausgestellt wurden, weit mehr als historische Bücher. Sie sind stumme Zeugen einer Zeit, in der jedes umgeblätterte Blatt eine kleine Tat des Widerstands war und jedes gerettete Buch eine Spur hinterließ, die bis heute zu uns führt.

Auch in unseren Pfarrgemeinden dürfen wir einen ganz besonderen Schatz unser Eigen nennen. Ein wertvolles Stück einer Lutherbibel.

Behutsam geöffnet liegt die Toleranzbibel von 1782 auf dem Ausstellungstisch vor dem Altar des Guten Hirten. Die Spuren der Zeit erzählen von Generationen von Menschen, die in ihren Seiten Trost, Hoffnung und Orientierung suchten. Als erste Altar- und Lesebibel der evangelischen Gemeinde um das Toleranzbethauses in Watschig wurde sie aus den Opfern der Gläubigen erworben und erinnert bis heute daran, dass Glaube nicht nur in großen Ereignissen, sondern vor allem im gemeinsamen Tragen, Geben und Vertrauen wächst. Die handschriftliche Widmung des ersten evangelischen Predigers, Johann Georg Renner, macht dieses Buch zu einem berührenden Zeugnis evangelischer Geschichte im Gailtal.

Die Toleranzbibel wurde 1782 aus den Opfergaben der Gemeinde um 4 Gulden 50 Kreuzer angeschafft. Dieser Betrag entsprach damals dem Verdienst eines einfachen Arbeiters von etwa drei bis vier Arbeitswochen (1) oder heute würde man sagen „einem Monatsgehalt“. Die Bibel ist damit ein eindrucksvolles Zeugnis der Opferbereitschaft und des Glaubens der evangelischen Gemeinde von Watschig.

Auch heute gibt es in vielen Regionen der Welt keine wirkliche Bücher- und Meinungsfreiheit. Besonders in autoritär regierten Staaten wie Russland und Belarus, in China einschließlich Hongkong sowie in Ländern wie Iran, Saudi-Arabien oder Myanmar werden Bücher verboten, zensiert oder beschlagnahmt und Autorinnen und Autoren verfolgt. Wer politische Missstände anprangert, Menschenrechte verteidigt oder gesellschaftliche Tabus hinterfragt, riskiert mitunter Haft oder andere Repressionen. Doch auch in demokratischen Ländern, etwa den USA, werden Bücher aus Schulbibliotheken entfernt oder ihre Nutzung eingeschränkt.

Quellen: PEN International, PEN America dokumentierte allein im Schuljahr 2025/26 über 11.000 Fälle von Buchverboten oder Buchentfernungen in öffentlichen Schulen, Index on Censorship

Hinweisende Links:

Weg des Buches (Home)Weg des Buches (Wikipedia)Pilgerweg Kärnten
Weg des Buches (Etappe Weißbriach – Hermagor)Bibelschmugglerweg (Wikipedia)Als Protestantismus in Kärnten verboten war (ORF Kärnten)
  1. Hinweis: Die angeführte Einordnung von 4 Gulden 40 Kreuzern anhand historischer Tageslöhne und Arbeitsstunden wurde mithilfe künstlicher Intelligenz auf Basis historischer Vergleichswerte erstellt. Sie dient der anschaulichen Orientierung und stellt keine wissenschaftlich exakte Währungsumrechnung dar. ↩︎