Wo wir dem anderen sein Leben gönnen.
Manche Gottesdienste begleiten einen durch einen Vormittag – andere geben Gedanken mit, die noch lange nachwirken. Der ökumenische Gottesdienst beim Eggeralm-Kirchtag am 2. August 2026 gehörte zur zweiten Kategorie.
Getragen von Worten, die Trost spendeten, aber auch die politische und gesellschaftliche Gegenwart mit geistlicher Klarheit berührten und zum persönlichen Nachdenken und Weiterdenken einluden.
Pfarrer i. R. Hans Hecht und Militärdekan i. R. Emanuel Longin verbanden biblische Gedanken mit den politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit und eröffneten damit Perspektiven, die zum Nachdenken, Hinterfragen und persönlichen Weiterdenken einluden.
Der Eggeralm-Kirchtag am 2. August 2026 war nicht nur ein Fest gelebter Tradition, sondern auch ein besonderer Moment des Innehaltens, der Erinnerung und des ökumenischen Miteinanders. Bei der Heimkehrerkapelle versammelten sich Menschen aus der Region zu einem ökumenischen Gottesdienst, in dem evangelische und katholische Glaubenstradition miteinander verbunden wurden.

Pfarrer i. R. Hans Hecht richtete seinen Blick auf das 9. Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“ Auf den ersten Blick scheint es dabei um Besitz zu gehen. Doch die Auslegung Martin Luthers führt wesentlich tiefer. Es geht nicht nur darum, dem anderen nichts wegzunehmen. Es geht um die innere Haltung, mit der wir einander begegnen.
Das Gebot fragt danach, ob wir dem anderen sein Eigentum, seine Lebensgrundlage und seinen Platz im Leben gönnen können – oder ob Neid, Eigennutz und das Streben nach dem, was dem anderen gehört, unser Handeln bestimmen. Luther macht deutlich, dass wir unserem Nächsten vielmehr dabei helfen sollen, das Seine zu behalten und zu bewahren.
Damit bekommt dieses alte Gebot eine erstaunliche Aktualität. Es erinnert uns daran, dass ein gutes Zusammenleben dort beginnt, wo wir nicht ständig danach fragen, was wir selbst gewinnen können, sondern auch darauf achten, was der andere braucht und was ihm zusteht. Frieden beginnt nicht erst dort, wo Waffen schweigen. Frieden beginnt in unseren Haltungen, in unserem Denken und in unserem Umgang miteinander.
Militärdekan i. R. Emanuel Longin spannte anschließend einen weiten Bogen zwischen Natur, Heimatverbundenheit, Erinnerung, Krieg und Frieden. Gerade der Ort der Feier – hoch oben auf der Egger Alm und bei der Heimkehrerkapelle – machte diese Gedanken besonders eindrücklich.
Die Natur, die die Menschen an diesem Tag umgab, steht für Heimat und Verwurzelung. Die Tracht, die beim Kirchtag getragen wurde, erzählt von Zugehörigkeit und überlieferten Traditionen.

Beides verbindet Menschen mit einem Ort, mit einer Geschichte und miteinander. Doch Heimat ist zugleich mehr als Landschaft, Kleidung oder Brauchtum. Heimat bedeutet auch Verantwortung. Für die Menschen, die hier leben, für die gemeinsame Geschichte und für die Zukunft.
An einem Ort, der dem Gedenken an Heimkehrer und an die Gefallenen gewidmet ist, bekommt der Gedanke des Friedens eine besondere Tiefe. Die Erinnerung richtet unseren Blick auf jene jungen Menschen, die in Kriegen ihr Leben verloren haben. Menschen, die Hoffnungen, Familien, Freundschaften und ein ganzes Leben vor sich hatten.
Wer sich erinnert, darf den Frieden nicht als Selbstverständlichkeit betrachten.


So wurde aus dem Gottesdienst ein stilles Plädoyer dafür, Heimat nicht gegen andere abzugrenzen, sondern sie als einen Ort des Miteinanders, der Verantwortung und des Friedens zu verstehen. Die Verbundenheit mit der eigenen Heimat kann gerade deshalb stark sein, weil sie nicht ausgrenzt, sondern den Wert anderer Menschen und anderer Lebensgeschichten anerkennt.
Dass diese Gedanken in einem ökumenischen Gottesdienst zusammenkamen, war dabei mehr als ein schönes Zeichen. Evangelische und katholische Christen feierten gemeinsam, hörten aufeinander und machten deutlich, dass die großen Fragen des Lebens und des Glaubens uns verbinden. Wie gehen wir miteinander um? Was bedeutet Heimat? Wie bewahren wir Erinnerung? Und wie können wir Frieden leben?
Auch die Begegnung rund um den Gottesdienst gehörte zu diesem besonderen Tag. Kurator Karl Wassertheurer durfte Militärdekan i. R. Emanuel Longin eine Festschrift zum 100jährigen Bestandsjubiläums der Schneerosenkirche überreichen. Ein Zeichen gelebter Verbundenheit und Wertschätzung.
Welch eine Kraft liegt in einer solchen Feier, wenn sie Glaube und Geschichte, Natur und Heimat, Erinnerung und Hoffnung verbinden. Und sie erinnern uns daran, dass Frieden nicht irgendwo weit entfernt beginnt.
Er beginnt dort, wo wir dem anderen sein Leben gönnen. Dort, wo wir bewahren, was uns anvertraut ist. Dort, wo wir uns erinnern, ohne in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Und dort, wo wir gemeinsam aufbrechen, um Zukunft in Frieden zu gestalten.


Der ökumenische Kirchtags – Gottesdienst auf der Eggeralm ist dafür ein eindrucksvoller Anlass und Ort.

Hoch oben bei der Heimkehrerkapelle, mitten in der Natur, verbunden mit der Heimat und mit dem Blick nach vorn.



