Und plötzlich war ihre Stimme im Raum

Böhmen liegt am Meer – und wir mittendrin

Ingeborg Bachmann (1926–1973) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Texte erzählen von Liebe und Verlust, Krieg und Gewalt, weiblicher Identität und der Suche nach einer Sprache gegen das Schweigen. Der Literaturwissenschaftler und Rezitator Dr. Jörg Zimmer ließ bei einer Lesung in der Schneerosenkirche ausgewählte Gedichte und Prosatexte der Dichterin lebendig werden und verband sie mit biographischen Einblicken.

Dabei kam auch Bachmanns besondere Verbindung zur Region zur Sprache. Ihr Vater stammte aus Obervellach, Hermagor und der Pressegger See waren wichtige Orte ihrer Kindheit und Jugend. In der Verbindung von Lebensspur und Literatur wurde deutlich, wie gegenwärtig Bachmanns eindringliche Stimme bis heute ist.

So wurde diese Lesung zu einem stillen, warmen Moment der Verbundenheit zwischen unserer Pfarrgemeinde, der großen österreichischen Lyrikerin Ingeborg Bachmann die ebenfalls heuer ihren 100. Geburtstag feiern würde, und einem Mann, der ihr Werk nicht nur wissenschaftlich kennt, sondern ihm auch biografisch und freundschaftlich verbunden ist.

Dr. Jörg Zimmer, Literaturwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, nahm die Besuche-rinnen und Besucher mit auf eine literarische Reise durch ausgewählte Gedichte und Texte Bachmanns. Von „Die gestundete Zeit“ und „Alle Tage über Anrufung des Großen Bären“ und „Erklär mir, Liebe“ bis hin zu „Das dreißigste Jahr“, „Malina“ und dem bewegenden Gedicht „Böhmen liegt am Meer“.

Als Dr. Zimmer den Zuhörerinnen und Zuhörern, die von Ingeborg Bachmann selbst gesprochenen Texte aus einer alten Tonbandaufnahme vorspielte, entstand im Raum ein Moment gespannter Stille. Viele waren sichtbar bewegt, weil plötzlich nicht nur ihre Worte, sondern ihre eigene Stimme, ihr Atem, ihre Verletzlichkeit und ihre Kraft unmittelbar hörbar wurden und die Texte dadurch eine ganz neue, unerwartet persönliche Tiefe bekamen.

Ein zentraler Gedanke des Abends war Bachmanns berühmter Satz:

Dr. Zimmer führte uns hinein in die Tiefe dieses Satzes. Nicht als Mahnung, sondern als Einladung. Wahrheit ist nicht hart, sondern heilend. Sie ist das Licht, das uns sehend macht. Er zeigte, wie Bachmanns Schreiben immer ein Ringen um diese Wahrheit war. Ein Spüren, ein Ertasten, ein mutiges Hinsehen, auch dort, wo Schmerz und Dunkelheit liegen.

Am Ende stand noch ein Gedanke, der wunderbar zu einem Abend in einer Kirche passte. Dr. Zimmer erzählte von einer Andacht über Engel und erinnerte daran: Manchmal schickt Gott uns einen Engel – und manchmal sind wir selbst einer.

Ein solcher wurde Dr. Zimmer von Kurator Karl Wassertheurer am Ende des Abends, als symbolischer Schutzengel überreicht. Ein Zeichen der Dankbarkeit und der Verbundenheit unserer Gemeinde mit ihm: „Du sollst immer gut nach Hause kommen. Der Schutzengel wird dich begleiten.“ Es war ein Moment, der zeigte: Dieser Abend war eine Lesung und ein gemeinsames Gehen durch Literatur, durch Erinnerungen, durch Glauben.

Dr. Zimmer hat uns Ingeborg Bachmann nicht nur erklärt, er hat uns ihr nahegebracht. Und damit hat er uns ein Stück jener Wahrheit geschenkt, die „den Menschen zumutbar“ ist.

Vielleicht liegt gerade darin der besondere Wert eines solchen Abends. Er macht neugierig auf eine Frau, deren Name weit über Kärnten hinaus für große Literatur steht und deren Lebensspuren zugleich ganz in unserer Nähe zu finden sind. Ingeborg Bachmann biografisch und literarisch neu zu entdecken, bedeutet deshalb auch, ein Stück unserer eigenen kulturellen Heimat kennenzulernen – ihre Texte zu lesen, ihre Lebensgeschichte zu verstehen und sich von der Kraft ihrer Gedanken bis heute berühren zu lassen.

Die Worte Bachmanns begleiteten die Gäste wie ein stiller Gesprächsfaden, der sich mit ihnen auf den Vorplatz der Schneerosenkirche bewegte. Für einen Augenblick entstand der Eindruck, als würde auch sie sich zu ihnen setzen, um den Abend mit Blick auf die Stadt und die Berge weiterzuerzählen. Ein erfrischendes Getränk in der Hand und die langsam weich werdende Abendstimmung luden dazu ein, noch ein wenig zu bleiben. Dieser Abend hatte tatsächlich eine ganz eigene Stimmung. Lag es an den Worten oder der Stimme Ingeborg Bachmanns.

Die Besucherinnen und Besucher wirkten gelöst, es wurde angeregt diskutiert, gelacht und miteinander ins Gespräch gefunden. Viele nahmen sich bewusst Zeit, den Tag in dieser besonderen Umgebung ausklingen zu lassen.

Auch beim Organisationsteam spiegelte sich die Stimmung wider. Zufriedene Gesichter, gute Laune und das schöne Gefühl, einen gelungenen Abend gemeinsam zu Ende zu bringen.

Ein herzliches Dankeschön an Dr. Jörg Zimmer für die eindrucksvolle und berührende Lesung, die er kostenlos anlässlich des 100‑jährigen Bestandsjubiläums unserer Pfarrgemeinde gestaltet hat.

Mit großer fachlicher Tiefe, spürbarer Verbundenheit zu Ingeborg Bachmann und viel persönlicher Wärme hat er uns einen Abend geschenkt, der lange nachklingt. Wir sind dankbar für seine Zeit, sein Engagement und dafür, dass er uns Literatur so lebendig und nah erleben ließ.