Ein kleines Danke macht die Welt warm
Heute Morgen las ich von einer Szene, die klein begann und doch groß endete: Ein Kunde fühlte sich um 1,25 Euro betrogen, beschimpfte die Kassiererin, filmte sie und klagte sie sogar wegen Körperverletzung an. Das Gericht sprach sie frei, doch der Arbeitsplatz war verloren. Der Kläger wiederum wird nun wegen Verleumdung angeklagt. Ein Betrag, kaum mehr als der Preis von zwei backfrischen Semmel direkt vom Bäcker, für einen warmen Auftakt in den Tag genügte, um Würde zu verletzen, Vertrauen zu zerstören und Kälte zu säen.
Es sind solche Momente, die uns einen Spiegel vorhalten. Ganz besonders jetzt, kurz vor der Adventszeit, in einer Zeit, die wir gern „besinnlich“ nennen. Doch vielleicht wäre es ehrlicher zu fragen: Wie besinnlich und einfühlsam sind wir wirklich in der Adventszeit?
Die stille Ausbreitung der Eiszeit
Geschenke kaufen, Weihnachtsfeiern mit Arbeitskollegen und Freunden, geschäftlicher Weihnachtstaumel, Black Friday, Schnäppchenvergleich und noch andere Stressfaktoren führen dazu, dass wir übersehen, dass Besinnung nicht mit dem Kerzenlicht am Christbaum beginnt, sondern mit dem Blick ins eigene Herz.
Wir finden rasch Erklärungen dafür, warum die Luft kälter geworden ist – nicht nur draußen. Corona war schuld. Dann der Krieg in der Ukraine. Die Teuerung. Die Sozialwissenschaflter und Psychologen lieferen uns Analysen, und aus jeder Analyse machen wir eine Entschuldigung. Eine Rechtfertigung für unsere Gereiztheit, für jede unnötige Schärfe im Ton, für den Zorn über Nichtigkeiten. Dabei leben wir hier friedlich. Geschützt. Ohne Drohnen, ohne Sirenen, ohne die Angst, dass der nächste Angriff das Zuhause zerstört.
Die, die diese Zeilen lesen haben Corona überstanden, haben Menschen verloren, aber auch überlebt. Wir leben, wir atmen, wir stehen morgens auf in warmen Wohnungen. Wir haben Strom, Wasser, Sicherheit. Und doch reicht manchmal ein fehlender Euro-Rabatt, um uns die Fassung verlieren zu lassen.
Vielleicht ist es deshalb jetzt an der Zeit, dass wir wieder lernen, dankbar zu sein. Nicht aus Pflichtgefühl oder moralischem Druck, sondern weil Dankbarkeit uns warm macht. Von innen. Ein kleines „Danke“ verändert den Tag.
Ich habe überlebt. Danke!
Ich wohne in einem Land ohne Krieg. Danke.
Mein Zuhause ist warm, mein Licht bleibt an. Danke.
Dankbarkeit ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Doch wer dreimal „Danke“ sagt, verändert den Ton im eigenen Inneren. Und wo der Ton weicher wird, wird auch der Blick milder.
Das neue goldene Kalb
Wir leben umgeben von Stimmen, die schnelle Wege zum Glück versprechen: Influencer, selbsternannte Coaches, Experten des schönen Scheins. Sie erinnern an die alte Geschichte vom goldenen Kalb – ein Objekt, geschaffen aus den Werten vieler, das doch niemandem wirklich gehörte. Damals wie heute gilt: Götzen blenden, aber sie nähren nicht. Sie fordern, aber sie schenken nichts.
Dankbarkeit und Bescheidenheit hingegen schenken Wärme – innen wie außen.
Weniger Dinge, mehr Nähe
Schenken wir dieses Jahr weniger Dinge – und mehr Wärme. Vielleicht nur die Hälfte der üblichen Geschenke. Und die andere Hälfte? Die könnte irgendwo ein kaltes Zimmer ein wenig wärmer machen. Eine Suppe finanzieren. Eine Decke. Einen Platz zum Schlafen. Organisationen wie Diakonie oder Caritas wissen, wo diese Wärme gebraucht wird.
Erzählen wir unseren Kindern, warum Verzicht Dankbarkeit weckt. Wiederholen wir es – bis Heiligabend ist Zeit, und Liebe lernt durch Wiederholung.
Erzählen wir den Kindern, warum unter unserem Baum heuer weniger glänzt – und warum an einem anderen Ort ein Mensch dafür ein wenig Hoffnung bekommt. Und wenn sie es nicht gleich verstehen, erklären wir es wieder. Und wieder. Es sind ja noch ein paar Wochen bis Weihnachten.
Ein Licht, das nicht flimmert
Advent ist nicht Anspruchszeit, sondern Erwartungszeit. Wenn wir zur Besinnung kommen, wird Weihnachten nicht ärmer, sondern wahrer. Dann wärmt ein kleineres Geschenk länger, und ein geteilter Weg heller.
Dann feiern wir nicht den Konsum, sondern die Ankunft: Weihnachten kommt leise, unscheinbar, menschlich. Und dort, wo Dankbarkeit und Bescheidenheit wohnen, findet das Kind in der Krippe Platz – nicht neben dem goldenen Kalb, sondern mitten in unseren Herzen.
Gibt es denn etwas zu feiern?
Ja. Wir sind zur Besinnung gekommen.


